Kulturelle Veranstaltungen müssen auch in Zukunft möglich sein

Förderverein Stadthalle Northeim e.V.

 
Conny Gundermann, Harald März, Grit Lemke
Harald März, Petra Kelling, Richard Engel
Rebecca Siemoneit-Barum; Harald März, Dr. Grit Lemke
Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Exposé

Northeim und Hoyerswerda schreiben ein neues Kapitel innerdeutscher Kulturgeschichte – abgewickelter »Zonenrand« trifft auslaufendes Modell Tagebau

»Gerhard Gundermann (1955–1998) ist vor 23 Jahren gestorben;
tot im Sinne von vergessen, ist er zum Glück bis heute nicht«
(Süddeutsche Zeitung)

 

Rückblick in Northeims junge Kulturgeschichte - »Kulturelle Zonenrandförderung« hinterließ Spuren

Ein monumentales Zeugnis der Förderung durch das »Kulturelle Zonenrandprogramm« ist das Jugend- und Kulturzentrum Alte Brauerei in Northeim (heute: Kinder- und Jugendkulturzentrum Alte Brauerei). Die marode Substanz mit historischem Wehrturm wurde als Denkmal gerettet und einer sinnvollen Nutzung zugeführt.


Aber das Förderprogramm ermöglichte auch kulturelle Begegnungen mit Künstlern und Künstlerinnen aus der »DDR« oder mit DDR-Biografie seit den 70ern. Die Größen aus den Bereichen Rock und Pop waren ebenso vertreten wie Jazzer, Liedermacher, Puppenspieler, Schauspieler, Kaberettisten, Vertreter der Klassik und des Schlagers; zu nennen wären u. a.: Puhdys, City, Karat, Wolf Biermann, Gerhard Schöne, Heinz Rennhack, Wolfgang Stumph, »Die DISTEL«, Joe Sachse, Günter »Baby« Sommer, Gunter Emmerlich, Ute Freudenberg, Günter von Dreyfuß, Olaf Berger, Günter Gerlach.


Unverständlich war, dass man für die »Brüder und Schwestern von Drüben« bis zur Wende Ausländersteuer zahlen musste. Gleich nach der Wende wurde eine Partnerschaft mit Nordhausen angestrebt, wobei sich Nordhausen dann für Bochum entschied.


Mit den »Gundermann Kulturtagen – Innerdeutsche Begegnungen Northeim 2022« wird eine Tradition wiederbelebt und vielleicht gelingt ja mit Hoyerswerda der nachhaltig kulturelle Austausch, ausgelöst durch die Gundermann Kulturtage 2022!

Vom 21. Januar bis 21. Juni 2022

wird der Förderverein Stadthalle Northeim e. V. im Schulterschluss mit dem Bund (BPB, Demokratie Leben), dem Land Niedersachsen (Landschaftsverband Südniedersachsen), dem Landkreis Northeim (Kulturstiftung) und den Städten Northeim und Hoyerswerda »Gundermann Kulturtage – Innerdeutsche Begegnungen Northeim 2022« veranstalten.


Um die Erfolgsaussichten des Events zu verbessern, kooperiert der FV Stadthalle Northeim e. V. mit kreativen, interessierten Einzelpersonen und anerkannten Kulturträgern wie der Kirchengemeinde St. Sixti, dem Theater der Nacht, dem Filmkunsttheater Neue Schauburg, der Initiative Kunst & Kultur Northeim e. V., dem Tonstudio St. Blasien, dem Label Stockfisch Records, dem Verlag
Buschfunk, der Buchhandlung Grimpe, der Initiative Kreuzberg on KulTour, dem EXIL live.music.club, dem Team des Kinder-und Jugendkulturzentrums Alte Brauerei, dem Team der
Stadthalle Northeim, dem Kultur-Gasthaus Tappe Opperhausen, dem Kulturverein Gundermanns Seilschaft e. V., der Initiative Zivilcourage Hoyerswerda und der Kulturfabrik Hoyerswerda e. V.

Die Schirmherrschaft

der »Gundermann Kulturtage – Innerdeutsche Begegnungen Northeim 2022« hat Conny Gundermann gern übernommen. Sie übernimmt diese Art der Schirmherrschaft zum ersten Mal überhaupt.


Ein Höchstmaß an Authentizität wird durch die enge Zusammenarbeit mit der Familie, ehemaligen Weggefährten, Freunden und Institutionen, die postum das künstlerische Erbe bewahren, aufbereiten und zugänglich machen, gewährleistet. Insbesondere sind das die Kulturfabrik Hoyerswerda e. V. und der Kulturverein Gundermanns Seilschaft e. V., sie halten die Erinnerung an Gundermann durch Sammlungen, Veröffentlichungen und Veranstaltungen deutschland- und europaweit lebendig.

Gundermann rückt durch die Filme wieder ins Bewusstsein

In Westdeutschland war das Werk des Künstlers bis vor kurzem weitgehend unbekannt, obwohl Gerhard Gundermann schon 1994 mit seiner Band, Die Seilschaft, im Vorprogramm von Bob Dylan und Joan Baez durch Ost und West tourte.


Der Bekanntheitsgrad änderte sich schlagartig mit dem Kultfilm »Gundermann« (2018) von Andreas Dresen. Dafür gab es zahlreiche Preise, so auch 2019 den Deutschen Filmpreis in sechs Kategorien. Fast zeitgleich (2020) erschien der Grimmepreis-nominierte Dokumentarfilm von Grit Lemke. Durch die Popularität des Dresen-»Gundermann« Films und Lemkes »Gundermann Revier« erlebten die Dokumentarfilm-Meisterwerke von Richard Engel eine verdiente Renaissance: »Gundi Gundermann« (1981) und »Ende der Eisenzeit« (1999) zeigen ein und denselben Gundermann in zwei Gesellschaften; 81 im DDR-System gefangen, nach der Wende bis zu seinem Tod als rastlosen geistigen Wanderer zwischen dem alten System DDR und der neuen BRD.


Die Qualität des Northeimer Projektes basiert insbesondere auf Tipps, Hinweisen und Verbesserungsvorschlägen von Petra Kelling und Richard Engel, beide frühe Förderer Gundermanns und sehr gute Freunde der Familie. Seit dem Erfolg der Filme gibt es auch in Westdeutschland ein wachsendes Interesse an der Person und am Werk des Künstlers. So aktuell in Göttingen, wo
neben Open Air Kino die Dresen-Scheer-Band am 24. Juli 2021 den Göttinger Kultursommer eröffnete. Außerdem gibt es eine Reiser-Gundermann Revue im Deutschen Theater.


Die Northeimer Organisatoren begrüßen diese Gundermann-Ouvertüre als »Steilvorlage« für ihre einzigartige Gundermann-Hommage zum 24. Todestag des Künstlers.

Gerhard Gundermann, facettenreich, konfliktbereit, rastlos

Der Baggerfahrer, Tischler, Poet, Liedermacher und Rockmusiker Gerhard Gundermann war heimatverbunden, -liebend mit festem Glauben an das Gute und Chancen des Systems. Er liebte die DDR, dachte nur anders (das trifft auch nach eigener Aussage im September 21 auf Peter Sodann zu). Im Irrglauben, er wäre seinem Land verpflichtet, ließ er sich zu einer IM-Tätigkeit überreden und auch sein Versuch, von innen heraus (SED-Mitgliedschaft) etwas positiv zu verändern, scheiterte kläglich: Er wurde vom Täter zum Verfolgten und aus der Partei rausgeworfen. Sein Gegenentwurf zu einer finanzdominierten Welt formulierte er immer wieder in seinen Liedern (alle oder keiner, … für alle gleich).


Die Lieder sind oft melancholisch, mit autobiografischen Zügen, nah am Leben, nah am Tod.


Nach der Wende setzte sich Gundermann für die Umwelt und den Naturschutz ein und erkannte, dass Kohle keine Zukunftsenergie sein konnte.


Den frühen Tod des rastlosen Künstlers hatten viele Freunde befürchtet: Nach Konzerten bis in die frühen Morgenstunden fuhr er oft noch seine Seilschaft-Schlagzeugerin Tina nach Hause und ging dann zur Frühschicht. Obwohl es funktioniert hätte, er wollte nicht von der Kunst leben, deshalb schulte er nach dem Niedergang des Tagebaus auch zum Tischler um.n, dem Kulturverein Gundermanns Seilschaft e. V., der Initiative Zivilcourage Hoyerswerda und der Kulturfabrik Hoyerswerda e. V.

Multimediale Annäherung an den Künstler und sein Werk und Teilhabe der Nachbarstädte

Neben Ausstellungen, Konzerten, Info-Ständen, Lesungen, Diskussionen und einer Bildungsreise nutzt das Northeimer Projekt insbesondere das Medium Film/Dokumentarfilm und die Institution »Kino«, um dem Publikum Bildungsinhalte und Informationen zu vermitteln. In diesem Zusammenhang können die Filme, Autoren und Referenten in den Monaten Februar, März, Mai und Juni, bei Bedarf, an Einbeck, Bad Gandersheim und Göttingen vermittelt werden.

Themen und Fragestellungen im Zusammenhang mit der Gundermann-Hommage

  • DDR-Sozialisation, Fehler bei der Eingliederung, Schuld und Sühne, verzeihen und vergessen, aus Tätern sind nur selten Opfer geworden, oft sind Selbstmitleid und Ausreden ursächlich
  • Energiewende, Klimawandel, Umweltzerstörung, Kohleausstieg, Niedergang des Tagebaus
  • Heimat, Zugehörigkeit

Die Beschäftigung mit dem Künstler führt zwangsläufig zu weiteren Themen wie »Professionelle Kunstausübung und/oder Erwerbsarbeit«, die Differenzierung von »Working Class« und »Arbeiterklasse«, »Sorben in der DDR-Gesellschaft und im Tagebau«, »Fremdenhass«, »Terror« (Hier bin ich geboren … hier lässt man Fremde nicht gerne parken). Diese Themen werden intensiv auf der Spurensuchen-Reise bearbeitet.

Wehrhafte Demokratie

Die Städte Northeim und Hoyerswerda verbindet die Gefährdung von Rechts und das Ringen um Demokratie.


1965 veröffentlichte der amerikanische Historiker William Sheridan Allen ein Buch mit dem Titel »The Nazi Seizure of Power« in Amerika; in Deutschland erschien das Werk 1966 unter dem Titel »Das haben wir nicht gewollt«. Exemplarisch wird beschrieben, wie der Nationalsozialismus in kürzester Zeit das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen in einer deutschen Kleinstadt dominierte. Spätestens 1967 wussten alle das hinter dem Pseudonym »Thalburg« das niedersächsische Northeim versteckt wurde. Anfang der 90er Jahre terrorisierte der Obernazi Thorsten Heise die Region (Kameradschaft Northeim).


Die rechtsradikale Randale 1991 in Hoyerswerda erschreckte die Bürger bundesweit. Die Stadt bekam ein negatives Image und verfiel in Schockstarre. Nach einer rechtsradikalen Demonstration in 2006 trafen sich, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, engagierte Bürgerinnen und Bürger aus allen sozialen Schichten, die berieten was zu tun sei. Sie wollten ihre Stadt nicht den Rechten überlassen. Gegen Fremdenhass und rechtsradikale Tendenzen gründete sich die Initiative Zivilcourage Hoyerswerda, die ab 2014 zunehmend wahrgenommen wurde und zum
30. Jahrestag der Ausschreitungen ein beispielhaftes Erinnerungsprogramm auf die Beine stellt. Was können nun Demokraten von Hoyerswerda lernen?


Die Pflege einer Erinnerungskultur, aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit sowie Kultur helfen, Abweichler wieder in die Zivilgesellschaft zu integrieren, Unbelehrbare gehören ins Gefängnis!

Abschließender Gedanke

Northeim und Hoyerswerda könnten ein Zeichen setzen und zum Symbol für ein anerkennendes, respektvolles Miteinander von Menschen aus Ost und West auf Augenhöhe werden.

Programm-Übersicht - Vielfältig, weit gestreut, authentisch und emotional

Auftaktveranstaltung der »Gundermann Kulturtage – Innerdeutsche Begegnungen Northeim 2022«


21. Januar 2022 | 19 Uhr | Doppelveranstaltung im Theater der Nacht
»Froh ist der Schlag unsrer Herzen« | Das kommunale PUPPENTHEATER MAGDEBURG spielt ein Stück zum Thema »Alte Liebe DDR« und die STEINLANDPIRATEN aus Berlin »erklären« Gundermann anhand von Texten, Informationen und Liedern.

 

Zeitgleich wird vom 21. Januar bis zum 21. Juni 2022, dem Zeitraum der »Gundermann Kulturtage – Innerdeutsche Begegnungen Northeim 2022« ein Gundermann-Kräuter-Gersterbrot angeboten. Das Rezept stammt von dem Northeimer Bäckermeister und Netzwerkpartner Carsten Arndt.

 

19. Februar 2022 | 19 Uhr | Kinder-und Jugendkulturzentrum Alte Brauerei Northeim
»Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror« | Die Autorin Grit Lemke liest aus ihrem autobiografischen Roman, der am 11.9.2021 erschienen ist.

 

20. Februar 2022 | 11 Uhr | Filmkunsttheater Neue Schauburg Northeim
»Gundermann Revier« | Die Regisseurin des Grimmepreis-nominierten Dokumentarfilms, Grit Lemke, wird anwesend sein und nach dem Film mit dem Publikum diskutieren.

 

5. März 2022 | 19 Uhr | Kultur-Gasthaus Tappe, Opperhausen
»Fliedertee, Kultur & Stullen« | Gundermann-Abend mit Texten, Musik und Erklärungen der STEINLANDPIRATEN aus Berlin

 

6. März 2022 | 10 Uhr | St. Sixti Kirche Northeim
Gottesdienst »Gib mir mein Kreuz oder eine Geige« mit Superintendent Jan von Lingen und den STEINLANDPIRATEN, anschl. Eröffnung der Ausstellung »Armut ist anders – Leben mit Hartz IV« organisiert vom Tagestreff Oase Northeim

 

9. März 2022 | 20 Uhr | Kino Gandeon Bad Gandersheim
Dokumentarfilm »Gundermann Revier« und anschl. Diskussion mit Grit Lemke

 

10. März 2022 | 11 Uhr | Roswitha Gymnasium Bad Gandersheim
Lesung »Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror« mit der Autorin Grit Lemke

 

10. März 2022 | 14.30  Uhr | Alter Friedhof Northeim
Pflanzung eines Gerhard-Gundermann-Ginkgo-Baumes zum 24. Todestag als nachhaltiges Symbol. Erklärende Worte von Dr. Grit Lemke

 

10. März 2022 | 19 Uhr | Bad Gandersheimer Domfestspiele Probenzentrum
Lesung »Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror« mit der Autorin Grit Lemke

 

11. März 2022 | vormittags | Schulzentrum Greene
Lesung »Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror« mit der Autorin Grit Lemke

 

11. März 2022 | 19 Uhr | Kultur-Gasthaus Tappe, Opperhausen
»Fliedertee, Kultur & Stullen« | Lesung »Kinder von Hoy« mit der Autorin Grit Lemke

 

10. April 2022 | 20 Uhr | EXIL live.music.club Göttingen
Gundermann-Abend mit Texten, Musik und Erklärungen der STEINLANDPIRATEN aus Berlin

 

24. April 2022 | 11 Uhr | Filmkunsttheater Neue Schauburg Northeim
Doppelveranstaltung mit den Filmen »Gundi Gundermann« & »Ende der Eisenzeit« | Der Regisseur Richard Engel und seine Frau, die Schauspielerin Petra Kelling freuen sich auf die Diskussion mit dem Publikum.

 

25. April 2022 | 19 Uhr | Bürgersaal Northeim
»Fast 33 Jahre Grenzöffnung« | Gedanken zur Zeit von Northeims Stadtarchivar Dr. Stefan Teuber

 

7. Mai 2022 | 20 Uhr | Muthaussaal Hardegsen
Konzert mit HELMUT »JOE« SACHSE und GÜNTER »BABY« SOMMER

 

12.–14. Mai 2022 | Trip nach Hoyerswerda
»Spurensuche und Erinnerungskultur« | Im Rahmen eines bildungspolitischen Programms legen die Gäste mit den Bürgermeistern beider Städte einen Kranz an Gundermanns Grab nieder.

 

19.–21. Juni 2022 | Stadthalle Northeim
»Gundermann-Ausstellung« | Die kleine liebevoll, mit Herzblut gestaltete Gundermann-Ausstellung wird 3 Tage in der Stadthalle Northeim zu sehen sein.

 

19. Juni 2022 | 19 Uhr | Stadthalle Northeim
DIE SEILSCHAFT | Konzert mit Gundermanns Originalband | Würdigung der »Gundermann Kulturtage – Innerdeutsche Begegnungen Northeim 2022« durch Northeims Bürgermeister Simon Hartmann und Hoyerswerdas Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh.

 

20. Juni 2022 | 19 Uhr | Stadthalle Northeim (Foyer)
Gundermanns Lieder in Europa. Der niederländische Liedermacher und Übersetzer JOHAN MEIJER singt Gundermann Lieder in europäischen Sprachen und berichtet über die Bedeutung Gundermanns in Europa.

 

21. Juni (Gundermanns 24. Todestag) 2022 | 19 Uhr | Stadthalle Northeim
LINDA (Gundermann) UND DIE LAUTEN BRÄUTE spielen das Abschlusskonzert zur Finissage